| | Es ist etwas mehr als 40 Jahre her als ich an einem Wintertag von der Schule kam. Auf dem Hof unseres Nachbarn lagen Federn und als ich genauer nachschaute, sah ich, dass der Habicht auf einer Taube saß. Es war "mein 626". Dieser Vogel war zu der Zeit mein Liebling. Ein kleiner, schöner Blauscheck. Ein Vereinskollege hatte zu meinem Vater gesagt, als er den "626" als Jungtier oder Jährig in die Hand nahm: "Den kannst du gleich weg machen. Der ist zu klein." Mein Vater behielt die Taube, weil sie mein Liebling war, aber auch, weil sie einfach gut war. Der Vogel flog bis zu seinem Ableben mehrfach zweistellig mit frühen Preisen.
Damals ließen wir die Tauben im Winter noch immer mal nach draußen zum Freiflug, aber die Verluste wurden immer größer. Nach dem Tod des "626" beschlossen wir die Tiere im Winter nicht mehr frei fliegen zu lassen.
So ist es bis heute geblieben, wenngleich ich in einigen, wenigen Jahren doch mal Tauben ab und an herausgelassen habe. So zwei Mal in der Woche. Es gab Jahre da ging es mit relativ geringen Verlusten und es gab Jahre, da mussten wir sie schnell wieder festsetzen, weil die Greifvögel ständig Tauben angriffen, verletzten und töteten.
In den letzten Jahrzehnten sind immer mehr Sportfreunde in immer mehr Regionen Deutschlands dazu übergegangen die Tauben im Winter fest zu setzen um Verluste durch die Greifvogelüberpopulation zu vermeiden.
Betrachtet man es genauer, dann ist das eigentlich ein riesiger Fehler, den wir alle machen. Wir lassen Hochleistungssportler vier, fünf oder sechs Monate nur auf der Stange sitzen und schränken ihre Bewegung massiv ein. Das kann für den Körper der Tauben nicht gut sein und auch nicht für ihren Geist und ihre Orientierungsfähigkeit.
Dann kommen die Tauben, je nach Region, Ende Februar oder Anfang bis Mitte März (oder teilweise noch später) wieder nach draußen und schon kurze Zeit später gehen die Vor- und Wettflüge wieder los. Die Flüge beginnen teilweise und unsinnigerweise noch früher als zu Zeiten in denen die Tiere im Winter Freiflug bekommen konnten. Das Zeitfenster zu den Flügen ist oftmals extrem klein - wahrscheinlich zu klein und zu kurz.
Nach dem langen Festsitzen im Winter ist die Saisonvorbereitung eigentlich die Wichtigste Zeit im Taubenjahr. Wenn die Tiere in diesem kurzen Zeitfenster nicht gesund sind und eine gewisse Fitness und Form aufbauen, dann kann man das folgende Reisejahr im Grunde genommen schon vergessen. Die Leistungen werden nicht zufriendenstellend sein und wahrscheinlich die Verluste auch größer als nötig.
Was mich allerdings sehr wundert in unserem Brieftaubensport ist die Tatsache, dass die Futtermittelhersteller und die Produzenten von Beiprodukten so wenig auf dieses so wichtige Zeitfenster im Frühjahr zwischen den ersten Freiflügen und den Vor- und Preisflügen eingehen.
Für mich ist diese Zeit die wohl wichtigste Phase der Saison. Jetzt werden die Grundlagen für ein erfolgreiches Reisejahr gelegt. Die Tauben müssen in sehr kurzer Zeit Kondition aufbauen, Muskeln wieder aufbauen, den ganzen Stoffwechsel extrem hoch fahren und auch ihre Orientierung und ihr Heimfindevermögen wieder schärfen.
Es gibt Züchter, die lassen ihre Reisetauben irgendwann im Frühjahr Junge ziehen, andere (so wie wir) züchten nicht, sondern führen die Tauben trocken (einige Sportfreunde paaren ein mal die Tauben an, andere zwei Mal, einige lassen jeweils nur kurz brüten, andere länger oder lassen überbrüten). Diese teils so unterschiedlich geführten Tauben haben allesamt andere körperliche Voraussetzungen wenn die Trainingsphase beginnt und auch während der Trainigsphase. Sie müssen eigentlich völlig anders versorgt und aufgebaut und an ihr Leistungsvermögen herangeführt werden.
Von den Herstellern der Beiprodukte oder der Futtermittelindustrie gibt es allerdings für diese Zeit überhaupt keine angepassten Empfehlungen. Da heißt es stets nur: "Ihr müsst die Tauben an die Produkte gewöhnen, die ihr in der Reisesaison geben möchtet." oder dass dieses oder jenes Mittel gut sei für den Formaufbau oder die Verbesserung der körperlichen Verfassung. Die Futtermittelfirmen empfehlen eine Gewöhnung an die Reisemischungen, die man verwenden möchte, aber Studien dazu was die Tiere nun wirklich brauchen scheint es nicht zu geben.
Es gibt Züchter, die füttern ihre Tauben jetzt extrem leicht damit sie Gewicht verlieren und um Schiefflieger zu vermeiden. Andere Sportfreunde füttern sehr gehaltvoll (wir tun das auch - darauf werde ich morgen noch zurückkommen) um die Tauben nicht zu schnell an Substanz verlieren zu lassen und sie langsam aufzubauen.
Aber was ist richtig? Was benötigen die Tiere nun an Beiprodukten? Brauchen sie mehr Vitamine oder Mineralien oder Aminosäuren als zu anderen Zeiten des Jahres? Benötigen sie vielleicht eine völlig andere Versorgung um ihre Form aufzubauen als später, wenn die Reiseform und die Flugverfassung wirklich da ist? Keiner kann das wirklich sagen. Letztlich arbeiten wir alle nur mit Erfahrungswerten und unserem Gefühl als mehr oder weniger erfahrene Brieftaubenzüchter..
Ich finde das schade, denn der Brieftaubensport ist inzwischen teilweise auch Hochleistungssport. Kein menschlicher Leistungssportler würde sein Trainingsprogramm nur auf Erfahrungswerten aufbauen. Da steckt eine ganz gezielte Wissenschaft dahinter. Das ist für unseren Sektor Brieftaubensport so natürlich kaum möglich und umsetzbar und vielleicht müssten wir jede Taube auch noch individuell anders versorgen, wenn wir es optimal machen wollten, weil jedes Tier indivieduell anders ist. Aber ich würde mir schon wünschen dass es in dieser Hinsicht einfach mehr Untersuchungen gibt.
Ich mache mir über diese Dinge sehr gerne viele Gedanken weil ich denke, dass in diesem Bereich noch sehr viel Potenzial liegt um die Tauben besser in Form zu bringen und optimal an ihre individuelle Leistungsfähigkeit heran zu führen Ich möchte morgen mal beschreiben wie wir es hier versuchen. Hier ein Foto des Futters wie die Tauben es nun in der Vorbereitung bekommen bis ich kurz vor den Vorflügen auf die Reisemischungen umstelle.
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