| | Bevor ich heute morgen zur Arbeit fuhr musste ich an meinem Auto erst einmal die Scheiben frei kratzen. Es hatte sich bei der Kälte in der Nacht eine kleine Eisschicht gebildet. Der Wind blies zu diesem Zeitpunkt wirklich kalt aus Nordost. Glücklicherweise wurde es dann relativ schnell wärmer und der Wind ließ auch nach, sodass unsere Tauben zu ihrem dritten Vorflug um 10.25 Uhr in Bad Brückenau aufgelassen wurden. Leider konnte ich dann arbeitsbedingt erneut keine Tauben bei der Heimkehr beobachten. Einen einzigen Vogel habe ich anfliegen sehen. Er kam etwas später wieder und ich stand zufällig hinter dem Haus. Ansonsten konnte ich nur feststellen, dass die Vögel wieder im Schlag waren. Leider fehlt heute am Abend ein jähriger Vogel. Ich gehe davon aus dass er nicht mehr wiederkommt. Sonst wäre er über den Nachmittag bei gutem Wetter schon zuhause angekommen. Wahrscheinlich ist er wieder einmal vom Greif geschlagen oder verletzt worden.
Inzwischen ist es leider so, dass man selbst bei völlig normalen Flugverläufen ständig damit rechnen muss, dass die Tauben nicht alle heimkehren. Das liegt nicht an Dummheit der Tauben oder schlechter Verfassung, sondern schlicht daran, dass der größte Teil der nicht heimkehrenden Tiere von Greifvögeln erwischt werden. Diese Plage wird von Jahr zu Jahr größer. Ich beobachte schon seit einiger Zeit eine Wanderfalken-Webcam, die dauerhaft auf einem Kirchturm geschaltet ist. Dort läuft gerade das Brutgeschäft und das Nest liegt voller Taubenfedern. Es ist ein Trauerspiel. Wanderfalken werden in Regionen angesiedelt in denen es sie von Natur aus nie gegeben hat. Aber in Deutschland ist das Verständnis von Natur inzwischen so verdreht, dass die halbe Nation inzwischen um das Leben eines Walfisches bangt, der sich in einer Bucht verirrt hat. Er soll gerettet werden mit riesigem Aufwand, es gibt TV-Sendungen und Zeitungsbeiträge und auch dort sind 24-Stunden-Live-Kameras geschaltet und jede Bewegung des Wals wird diskutiert. Als hätten wir keine anderen Sorgen in diesem Land. Aber wer kümmert sich eigentlich darum was beispielsweise unsere Brieftauben täglich mitmachen? Es interessiert niemanden.
Hier geht es nun am Sonntag weiter mit dem ersten Preisflug ab Würtburg. Das sind für unseren Schlag 230 KM Entfernung. Ich habe mich bemüht die Tauben, so gut es die Zeit, das Wetter und die Bedrohung durch die Greifvögel zuließen, vorzubereiten. Allerdings wurden die Vögel nicht privat trainiert oder ähnliches.
Heute hörte ich von einem Sportfreund aus einem benachbarten Regionalverband, der darüber berichtete, dass er seine Tauben seit drei Wochen, wenn es das Wetter zuließ, täglich morgens am Haus trainiert hat und nachmittags immer zum gleichen Auflassplatz auf 35 KM Entfernung gefahren hat. Bei solchen Sportfreunden frage ich mich immer was es eigentlich ist, dass sie zu solch einem Vorgehen antreibt? Langeweile? Übertriebener Ehrgeiz? Kommerzielle Interessen?
Mir fehlt dazu jeglicher Zugang. Es nutzt dann vielleicht die ersten zwei oder drei oder vier Flüge etwas und sobald es etwas weiter geht mit den Tauben ist der Effekt des ganzen Trainings nahe null. So jedenfalls höre ich es auch immer wieder von Züchtern, die viel Erfahrung mit dem Privattraining von Tauben haben.
Also was soll das? Ich kann es mir nicht erklären. Allerdings hat diese ganze private Fahrerei in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland teilweise gewaltige Ausmaße angenommen und dadurch werden leider in den vielen kleinen RVen die Ergebnisse besonders zu Sasonbeginn inzwischen völllig verzerrt. Ich gönne jedem den Erfolg, der sich die Arbeit macht, den Sprit verfährt und dann auf den ersten Flügen herausragend reist. Aber es gibt auch noch Sportfreunde, die das so nicht handhaben können oder wollen und die Unterschiede in den Ergebnissen werden dann so extrem als würde Bayern München Fußball in einer Liga mit lauter Fünftligisten spielen. Diese Differenzen sind einfach nicht gut für unser Hobby.
Vielleicht wäre es besser, wenn sich Züchter vor der Saison für einen Wettbewerb melden könnten. Wer Regional- und deutscher Meister werden will, der spielt nur in einer Liste mit den anderen Sportfreunden, die diese Ziele haben und wer nur in der RV sein Hobby betreiben möchte, der spielt in einer anderen Preisliste. Der völlige Zusammenbruch der Tauben- und Züchterzahlen in vielen Organisationen spätestens nach zwei Dritteln der Saison hängt vermutlich auch mit der Überdominanz einzelner Schläge zusammen. Mein Eindruck darüner hinaus ist, dass es seitdem es mit dem vielen Privattraining etc so überhand genommen hat auch mit der Taubenqualität in Deutschland Jahr für Jahr bergab geht. Aber das wäre wieder ein anderes Thema. | | | |
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