| | Der Brieftaubensport ist, obwohl er für fast alle Brieftaubenfreunde immernoch ein Hobby ist, doch inzwischen ein nahezu professioneller Hochleistungssport geworden. Wer auch Regionalverbands- oder Deutscher Verbandsebene dauerhaft in der Spitze konkurrieren möchte, der muss heute schon sehr viel für und mit seinen Tauben tun. In einem Reisejahr kann man sich dann letztlich keine Schwäche leisten. Von daher ist es wichtig, dass die Taube über die gesamte Saison hinweg absolut leistungsfähig und kerngesund ist. Eine angemessene Ernährung mit den entsprechenden Wirkstoffen ist unbedingt notwendig und vielleicht kann man die Gesundheit der Tauben auch mit dem ein oder anderen Beiprodukt fördern und erhalten. Trotzdem spielt für die kerngesunde und leistungsfähige Brieftaube am Ende auch immer eine entsprechende medikamentöse Begleitung eine wichtige Rolle.
Wenn Sportfreunde im kleinen Kreis zusammen sitzen und darunter ist ein stark spielender Züchter, dann fällt irgendwann im Gespräch fast unweigerlich die Frage: "Was gibst du?" und damit sind nicht so sehr Futter oder Beiprodukte gemeint, sondern viel mehr Medikamente.
Medizin für kranke Tiere ist wichtig und richtig und im Leistungsbrieftaubensport scheinen Medikamentengaben fast notwendig zu sein, wenn man über eine Saison mit mehreren Vorflügen und 12, 13 oder 14 Preisflügen dauerhaft die Leistungsfähigkeit der Tiere auf einem hohen Niveau halten möchte.
Leider wird bei keinem Thema so häufig knapp an der Wahrheit vorbei geredet, wie beim Thema Medikamente vor und während der Reisezeit.
Ich erinnere mich daran wie ich vor vielleicht 15 Jahren Ende Februar oder Anfang März bei einem Brieftaubentierarzt im Wartezimmer saß. Neben mir saß ein bekannter und erfolgreicher Sportfreund und war dann zur Untersuchung vor mir an der Reihe. Er ging mit seinem Korb in den Untersuchungsraum und kam eine ganze Weile später wieder heraus. Er stellte den Korb ab, ging zum Tresen und erhielt dort verschiedene Präparate und einen Zettel. Er kam dann noch einmal wieder in den Wartebereich, legte seinen Zettel ab und zog sich seine Jacke an und legte einen Schal um, denn es war doch recht kalt zu der Zeit. Ich warf in dieser Zeit verstohlen einen Blick auf den auf dem Stuhl neben mit liegenden Zettel. Es war ein Wochenplan zur medikamentösen Versorgung der Tauben während der Reise nach dem Schema:
Woche 1 Medikament A
Woche 2 Medikament B
Woche 3 Medikament C und dann wieder von vorne bis zum Ende der Saison.
Später ging ich zur Untersuchung der Tauben und ließ Abstriche machen etc. Auch ich erhielt später noch so einen Zettel mit den entsprechenden Medikamenten. Der Versorgungsplan war sehr ähnlich (im Grunde genommen fast gleich) zu dem, den der Sportfreund vor mir erhalten hatte.
Über die Saison verfolgte ich dann die Reiseleistungen dieses Züchters interessiert. Er flog, wieder einmal, herausragend gut. So gut, dass weit nach der Saison, vielleicht im Winter oder im nächsten Frühjahr (das erinnere ich wirklich nicht mehr genau), über den Sportfreund ein Schlagbericht in einer Brieftaubenzeitung veröffentlicht wurde. Dort Stand zum Thema Medikamente nur folgendes zu lesen: "Medikamente gibt es nur bei Befund und nach tierärztlicher Anweisung."
Damit hatte der Züchter auch nicht gelogen. Er hatte seinen Medikamentenplan nach einem Befund erhalten und versorgte seine Tauben dann während der Reise nach tierärztlicher Anweisung. Dass damit wöchentliche Medikamentengaben über ein bis zweieinhalb Tage gemeint waren, stand aber nicht dabei.
Wenn man so will gab der Erfolg dem Sportfreund auch recht. Ich denke seitdem hat sich im Brieftaubensport nicht so sehr viel geändert. Hier und da gibt es einige Impfstoffe mehr, die man einsetzen kann. Es gibt auch einige nicht-medikamentöse Produkte mehr, die man bei Bedarf einsetzen kann. Aber auch heute noch gibt es viele erfolgreiche Sportfreunde, die besonders zur Reisezeit hin und während der Reisesaison relativ viel mit Medikamenten arbeiten.
Ich möchte das hier gar nicht bewerten. Es wird so gemacht und man ist damit erfolgreich. Ich denke nur immer: warum ist man nicht ehrlich damit? Warum sagen viele erfolgreiche Züchter nicht, dass sie aus Sorge vor einer Erkrankung der Tauben wöchentlich oder zweiwöchentlich verschiedene Medikamente in der Saison einsetzen? Es wird immer betont, dass es "um die gute Taube" geht. Aber wenn die gute Taube nicht gesund ist, dann bringt auch die gute Taube keine Leistung. So einfach ist es doch am Ende.
Es bleibt nur die Frage ob es nicht auch möglich ist die Tauben ohne sehr regelmäßige Medikamentengaben in der Reise gesund und leistungsfähig zu halten. Es gibt heute Züchter, die auf der Reise mit einem Bestand von 100, 120 oder 150 Tauben an den Start gehen. Dort wird teilweise Brieftaubensport auf höchsten Niveau betrieben. Aber es soll doch bitte von diesen Züchtern niemand sagen, dass er dauerhaft mit einem solchen Bestand ganz vorne in der Spitze fliegen kann, ohne in der Saison sehr regelmäßig Medikamente einzusetzen gegen all die verschiedenen Zipperlein, die unsere Tauben nun einmal bekommen können. Tauben sind Schwarmtiere. Sie trinken aus den gleichen Tränken und fressen aus dem gleichen Trog und bei aller Hygiene laufen sie im gleichen Kot herum und sie sitzen dann noch ein Mal wöchentlich im gleichen Kabi mit vielen anderen Tauben (und teilweise in der gleichen Box mit Tieren, die nicht aus dem eigenen Bestand kommen) und die Infektionsgefahr ist dann immer gegeben. Wer aber in der absoluten Spitze dauerhaft spielen will und den Brieftaubensport vielleicht auch ein Stück weit kommerziell betreibt, der kann es sich bei der heutigen Leistungsdichte gar nicht leisten, dass die Tauben ein oder zwei Flüge schwächeln, weil sie vielleicht eine kleine Infektion haben. Und so arbeiten halt viele Sportfreunde während der Reise sehr regelmäßig mit Medizin. Leider wird damit nur bedingt ehrlich umgegangen und das öffnet dann den Raum für diverse Spekulationen und leider auch für Sportfreunde, die nicht so erfolgreich sind und immer wieder glauben, dass sie nur Medikament X oder Y haben oder geben müssten, um erfolgreicher zu sein. Letzteres ist aber ein großer Trugschluß und ich denke, dass man die Reise sehr wohl auch sehr erfolgreich ohne ständige Medikamentengaben bestreiten kann. Dann muss aber vieles - um nicht zu sagen : alles - zusammen passen. Aber es ist machbar. Dazu muss man aber sehr offen und ehrlich miteinander kommunizieren und umgehen und manchmal ist es auch ein anstrengender Weg.
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