| | Zu meinem gestrigen Eintrag hier hat der Sportfreund Meinolf Levermann einen sehr interessanten Kommentar geschrieben, den ich heute gerne gesondert veröffentlichen möchte, weil er sehr interessante Details enthält, die wir uns bei einer Analyse der Jungtaubenreise einmal vergegenwärtigen sollten:
"Hallo Sascha, ich bin bei Dir und vielen anderen hier, dass leichtes Verschieben der Jungreise nach hinten, damir man die Zeit mit dem größten Risiko für Hitze meidet, absolut sinnvoll ist.
Und nicht nur wegen der Hitze ist dies sinnvoll. Jungtiere lernen, nach dem was Wiltschko und Wiltschko (ja so hießen die zwei Autoren, die in den 80ern viel zu Orientierung von Tauben geforscht haben, waren glaube ich Eheleute) zwischen der 8. und 10. Lebenswoche ihren magnetbasierten Orientierungssinn zu nutzen, nach ca. 12 Lebenswochen ihren Sonnenkompass, und erst nach etwa 15 Wochen war bei den Tieren, die Wiltschko und Wiltschko untersucht haben, der Orientierungssinn vollständig ausgebildet.
Janiga und Johnsten beschreiben in ihrem Buch "Feral Pigeons", dass Stadttauben bis zu 12. Lebenswoche eine sehr hohe Abwanderungstendenz in andere Kolonien besitzen (nennt Zahlen von 50 bis 65
ie abwandern).
Wenn wir früher gelernt haben "Junge können gereist werden, wenn die zweite (oder dritte) Feder geworfen ist" steht diese Regel zu dem zuvor über den Orientierungssinn gesagtem im Widerspruch, denn dann sind die Jungtauben erst ca. 60 Tage alt, also jünger als 12 (geschweige denn 15) Wochen. Wir geben also, wenn wir nicht vor Februar (nicht jeder kann oder will Winterzucht machen!) anpaaren, viele Junge im Juli mit auf die ersten Vortouren (je nach Anpaaren aus der zweiten oder dritten Zucht), die ggf. noch nicht richtig schlagfest sind und z.T. noch keinen komplett entwickelten Orientierungssinn besitzen!
Warum uns das jetzt erst auffällt und es in den 50ern bis 2000er Jahren trotzdem einigermaßen gut ging?
Weil wir erst jetzt eine so geringe Züchterdichte haben, dass diese gefährdeten Jungen in ein viel größeres Einfluggebiet fliegen müssen als früher und durch weniger Tauben im Wettbewerb nicht mehr in dem selben Maße von der Schwarmintelligenz profitieren können, wie früher (meint: es trägt sie seltener der Schwarm bis kurz vor die Haustüre als früher).
Wenn wir also heute Umstände haben, die eher denen vor WW II gleichen, sollten wir ernst nehmen, wie man es damals gemacht hat: Man ist mit den Jungtieren deutlich schonender umgegangen und Züchter aus dieser Zeit äußerten, dass die Tiere vier bis fünf Federn gemausert haben sollten (was übrigens ziemlich genau dem von Wiltschko und Wiltschko genannten Lebensalter von 15 Wochen entspricht).
Und wer mir das mit dem nicht voll entwickelten Orientierungssinn vor der 15. Lebenswoche nicht glaubt, dem rate ich, er schreibe sich seine verlorenen Jungtiere der letzten Jahre mal auf und fügt deren Lebensalter in Wochen zum Zeitpunkt des Verlustes zu jeder Taube hinzu und dann setze er diese verlorenen Jungtiere ins Verhältnis der jeweils im Schlag insgesamt vorhandenen Anzahl an Jungtieren jeder Altersklasse. Ich bin mir ziemlich sicher, er wird eine deutliche Zunahme der relativen Verluste bei Jungtieren genau aus dieser jüngeren Altersgruppen erkennen können.
Also mich hat genau diese Überprüfung vollends überzeugt.
Und dann kommt noch der Vorteil hinzu, dass etwas ältere Jungtiere eine höhere Wahrscheinlichkeit haben die meisten Kinderkrankheiten bereits hinter sich zu haben
.
Konsequenz: wir sollten alle etwas früher Züchten, oder später mit dem Jungtier-Reisen beginnen und würden dadurch wahrscheinlich Jungtaubenverluste reduzieren."
Ich möchte an dieser Stelle noch etwas ergänzen. Wenn wir die Jungtierreise betrachten und auch daran interessiert sind künftig möglichst reibungslose Flüge zu veranstalten, dann erscheint mit auch ein Blick auf die Entwicklung des Immunsystems unserer Tauben sinnvoll.
Wann und wie entwickelt es sich? Ab welchem Alter der Jungtauben ist es möglichst weit entwickelt? Wann nehmen wir Impfungen vor und wie wirkt die jeweilige Impfreaktion sich aus? In welchem Abstand zu den Impfungen ist es zulässig und sinnvoll die Tauben zu ersten Trainingflügen einzusetzen?
Das könnten alles Themen sein, die für unsere Jungtiere von Belang sind.
Meinolf spricht auch die immer geringer werdende Züchterdichte an. Ich habe es ebenfalls hier an dieser Stelle auch in Bezug auf unsere Reisevereinigung und unsere Fluggemeinschaft schon häufiger geschrieben: während die Anzahl der Züchter und auch der Tauben letztlich Jahr für Jahr sinkt, wird die Fläche auf welche die Tauben fliegen müssen jährlich etwas größer. Es macht für Jungtauben oft wenig Sinn sie von Anfang an auf sehr große Flächen in Fluggemeinschaften und Regionalverbänden zu reisen. Auch an der Stelle könnte man einmal die Flüge analysieren.
Ich bin davon überzeugt, dass auch die Probleme hinsichtlich der Jungtaubenverluste, die man beispielsweise in Belgien oder den Niederlanden teilweise beklagt, damit zusammen hängen, dass dort anfangs auf zu große Gebiete geflogen wird. Sobald die Tauben wissen um was es geht, sobald sie gelernt haben sich eigenständig zu orientieren, sind gemeinsame Auflässe auf größere Flächen wichtig und richtig. Aber wenn die Tiere ihre ersten Trainingsflüge machen sollte man an der Stelle doch vorsichtiger sein. Zumal dort, wo die Topographie anders ist. Dort wo die Tauben nicht einfach nur über "plattes Land" fliegen ist ihr Flugverhalten - und ganz besonders das von Jungtauben - oft ein völlig anderes. Speziell die Flüge auf denen die Tauben mit den neuen "Tracking-Ringen" ausgestattet sind ergeben dort in der Auswertung häufig ein hochinteressantes Bild. | | | |
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