| | Wenn ich mich, so wie gestern, sehr positiv zu einem Beitrag in der "Brieftaube" äußere, dann heißt das nicht, dass ich mit jedem einzelnen Aspekt eines solches Artikels übereinstimme. Ich sehe es allerdings durchaus positiv, wenn über so einen Beitrag versucht wird einmal unsere grundsätzliche Einstellung zum Hobby Brieftaubensport zu überdenken und neue Wege vorgeschlagen werden, um mehr Züchterzufriedenheit herzustellen.
Konkret heißt das beispielsweise für mich, dass ich in keiner Weise die Einschätzung von Sportfreund Zeiher teile, dass heute, wie er schreibt, "Flüge über 400 Kilometer nicht mehr angebracht seien." Für mich persönlich sind die Flüge ab 350 oder 400 Kilometer erst jene Flüge, die den Brieftaubensport interessant machen und in vielen Regionen mangels Züchterdichte auch ein Stück weit fair machen. Aus meiner Sicht brauchen wir eher mehr Flüge mit größeren Entfernungen, als weniger.
Aber: es sollte insgesamt ein Aspekt von Angebot und Nachfrage sein und v.a. sollte regional und nicht von oben herab durch den Verband mit dem "Steuerungsmittel Deutsche Meisterschaft", versucht werden den Brieftaubensport in Deutschland für alle gleich zu gestalten.
Es mag gute Gründe für RVen und Fluggemeinschaften geben in einer bestimmten Region sehr viele kurze Flüge anzubieten und kaum weite Flüge zu veranstalten. Das sollten die Züchter vor Ort demokratisch entscheiden. Es mag in einer anderen Region wichtig sein, dass die Züchter viele Flüge über 350 oder 400 bis hin zu 600 oder 700 KM Distanz fliegen. Auch das sollten die Sportfreunde vor Ort entscheiden und nicht anhand von Meisterschaftsbedinungen unseres Verbandes praktisch vorgeschrieben bekommen wie sie ihren Reiseplan zu gestalten haben.
Die entscheidende Frage bei der Gestaltung des Brieftaubenwesens in Deutschland sollte doch immer sein. wie schaffen wir es, dass möglichst viele Sportfreunde vor Ort ihr Hobby möglichst häufig und möglichst lange in der Saison zu ihrer Zufriedenheit ausüben können? Und an der Stelle mögen die Vorraussetzungen und Entscheidungen regional sehr unterschiedlich sein. Der Taubensport in Deutschland ist aus verschiedenen Gründen (Kosten, Züchterdichte, Wetter und Klima, Greifvogeldichte usw.) für Züchter in Meckelnburg anders als für Züchter in Bayern und anders als für Sportfreunde hier in Westfalen. Und diesen regionalen Aspekt sollten wir auch in unseren Bestimmungen und Meisterschaften wiederfinden.
Ich kenne Sportfreunde, die seit mehreren Jahren in einem Regionalverband reisen, der in zwei Gruppen in zwei Reiserichtungen reist. Eine Gruppe bereist die Südwestrichtung, eine andere die Südostrichtung. Leider ist eine der beiden Gruppen aufgrund unserer verbandlichen Bestmmungen von allen Verbandsauszeichnungen und Meisterschaften ausgeschlossen, weil diese zweite Gruppe und die zweite Reiserichtung gar nicht wirklich vom Regionalverband beschlossen und genehmigt ist. So erhält diese Gruppe keine Verbandsauszeichnungen wie Medaillen oder die Ehrungen für die RV-Meisterschaft des Verbandes und ihre Flüge werden nicht in der "Brieftaube" aufgeführt.
Solche Regelungen sind aus meiner Sicht allerdings wirklich mittelalterlich und würden in der heutigen Zeit nicht einmal in einem Kindergarten durchgeführt. Aber im deutschen Brieftaubenwesen bestrafen wir weiter Verbandsmitglieder für ihre Entscheidungen und grenzen sie aus, weil sie eigenständige Entscheidungen getroffen haben. Ich halte so ein Vorgehen wirklich für völlig aus der Zeit gefallen.
Vor kurzem schrieb mir zu diesem Thema ein Sportfreund folgendes:
"Ich spiele ausnahmslos Weitstrecke und würde nun mit 43 Jahren das Hobby gerne etwas intensiver betreiben als die vergangenen Jahre, in denen Beruf und Familie dieses verhinderten.
Deshalb habe ich mich bei dem Verband erkundigt, ob es einfache Möglichkeiten für mich als Weitstreckenspieler gibt, die RV zu wechseln, um meine Tauben für die internationalen Flüge auf SüdWest vorzutrainieren, da meine Stamm-RV auf der Südostrichtunng reist. Ich habe auch geschrieben, dass ich alternativ in NL setzen kann, dies aber für mich einen weiteren Anfahrtsweg bedeuten würde. Ich erhielt folgendes als Antwort:
"Sehr geehrter Herr M.
Die Bestimmungen des Paragrafen 10 gelten unabhängig davon in welcher Form, Sie den Brieftaubensport ausüben.
Daher können wir auch für Weitstreckenspieler keine Ausnahme vom vorgeschriebenen Procedere machen.
Wir bitten hier um Verständnis."
Keinerlei Lösungsmöglichkeit oder Unterstützung. (...) Das scheint vollkommen egal zu sein. Ich bin völlig konsterniert. Ich bin auch ratlos, wie man da was ändern kann.
Parallel hatte ich die NPO um eine Ausnahmegenehmigung und Aufnahme für die Weitstrecke gebeten. Der Vorsitzende der NPO-Vorstandes selbst hat mir freundlich geantwortet und ausgesprochen umfangreich erläutert, dass wir keine Ausnahme machen können, weil ich 40km von der Grenze entfernt wohne und so viele deutsche Züchter nach Holland wechseln wollen, dass die NPO sogar den deutschen Verband kontaktiert und dieser sich klar gegen Wechsel positioniert hat. Dennoch merkte man eine freundliche Kommunikation auf Augenhöhe und im deutschen Verband die Friss oder stirb Haltung. Ich weiß wirklich nicht, ob ich mir den Ärger weiter antun sollte, selbst wenn das Hobby mir so viel Spaß macht. Es scheint ja dem Verband auch egal, ob man weitermacht. Aber auch wenn ich es könnte und es vielleicht die einzige Lösung ist, kann ich nicht meine Zeit opfern, um einen neuen Verband zu gründen. Ich bin wirklich fassungslos."
Als ich diese Zeilen las konnte ich nur noch den Kopf schütteln. Statt dem Sportfreund mit einem RV-Wechsel einen einfachen Weg zu ermöglichen unser Hobby weiter so auszuüben, wie er Spaß und Freude daran hat, wird sich auf Paragraphen zurückgezogen und auf das verwiesen, was besonders in den vergangenen Jahren durch die Mitgliederversammlung unseres Verbandes unsinnigerweise beschlossen wurde.
Gerade im westlichen Grenzgebiet versuchen seit einigen Jahren Sportfreunde aus Deutschland in die niederländische NPO zu wechseln, weil sie sich in der Gestaltung des Reiseprogramms dort einfach viel mehr wiederfinden. Dafür nehmen sie höhere Kosten auf sich und weitere Anfahrtswege zu den Einsatzstellen usw. Unserem Verband fällt aber schon seit langer Zeit dazu nur ein alles zu unternehmen um diese Wechsel zu blockieren. Stattdessen wäre es doch wichtig zu hinterfragen warum diese Wechselwünsche überhaupt so zahlreich entstehen. An der Stelle gibt es zwei klare Antworten: die Züchter in den Niederlanden haben hinsichtlich der Einsatzzeiten viel mehr Planbarkeit und hinsichtlich des Reiseprogramms einfach mehr Auswahlmöglichkeiten an welchen Flügen und welchen Entfernungen sie teilnehmen möchten.
Auch in der niederländischen NPO ist nicht alles Gold was glänzt und es gibt auch dort einiges zu verbessern. Aber den Züchtern aus Deutschland, die dorthin gewechselt sind oder die dorthin wechseln wollen, sind die Aspekte der viel höheren Planbarkeit ihres Hobbys und der eigenen Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der Entfernungen der Flüge so wichtig, dass sie andere, auch negative Aspekte in der NPO, bereit sind in Kauf zu nehmen.
Hier in unserem deutschen Brieftaubenverband sind wir allerdings bis heute weiterhin nicht bereit daraus zu lernen und Konsequenzen zu ziehen und unseren Brieftaubensport zu modernisieren und anzupassen. Wir sind nicht bereit einzugestehen, dass der Brieftaubensport in Thüringen möglicherweise anders gestaltet werden muss als in Schleswig-Holstein oder NRW. Wir sind nicht bereit zuzugestehen, dass die Züchter vor Ort eigentlich viel besser wissen und entscheiden könnten, wie sie ihr Hobby leben und ausüben wollen und wie sie - und das ist das Wichtigste - Freude an der Reise von Brieftauben entwickeln und behalten können. Hier in Deutschland soll weiterhin bei immer weiter sinkenden Mitgliederzahlen (auch begründet durch die Resignation vieler im Berufsleben stehender Sportfreunde) alles für alle gleich und von oben gesteuert werden. Das aber funktioniert einfach nicht mehr. Die Teilnehmerzahlen deutschlandweit gerade an den Flügen im letzten Drittel einer Saison zeigen das unzweifelhaft. Hier wäre es dringend an der Zeit anzusetzen. Leider ist es in den letzten Jahren so gewesen, dass die Mitgliederversammlung unseres Verbandes noch jede kleinste sinnvolle Reform schon im Keim erstickte. Und leider wird es wohl auch im kommenden Winter auf der nächsten Mitgliederversammlung so bleiben.
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